Der folgende Artikel stellt eine Methode zur vergabe mündlicher Noten (vor allem in der Oberstufe) vor.

Die Vergabe mündlicher Noten an Lernende bietet ein großes Frustpotential für Lehrende und Lernende. Dies liegt unter anderem daran, dass die Selbstwahrnehmung der Lernenden oft anders ist, als die Einschätzung der Lehrkraft. Im schlimmsten Fall führt diese Situation zu einem Bruch im Vertrauen zwischen Lehrenden und Lernenden, welches nach Hattie aber entscheidend für den Lernerfolg ist.

Um einer solchen Entwicklung gegenzuwirken, müssen bei der Notenvergabe verschiedene Dinge berücksichtigt werden:

  • Die Kriterien müssen transparent sein.
  • Die Kriterien müssen von Anfang an bekannt sein.
  • Die Teilbereiche der Leistungsbewertung müssen sichtbar werden.
  • Die Kriterien müssen legitimiert sein.

Ich habe versucht, ein System zu entwickeln, das diesen Ansprüchen gerecht wird. Dazu habe ich zuerst Teilbereiche meiner Bewertung festgelegt. Ich spreche dabei gerne von „SAU“-Noten:

  • Sach- und Fachkompetenz
  • Ausdruck und Darstellung
  • Unterrichtsgestaltung

Im Bereich Sach- und Fachkompetenz benote ich dann die tatsächlichen Fähigkeiten und Kompetenzen der Lernenden im Fach. Wie gehen sie mit leichten und schweren Problemstellungen um? Wieviel Unterstützung brauchen sie beim Lösen von Aufgaben?

Im Bereich Ausdruck und Darstellung finden sich zum Teil weitere Komponenten der Fachkompetenz. So benote ich hier Fachsprache und auch die Art der Darstellung (z.B. Zeichnungen und Koordinatensysteme). Darüber hinaus bewerte ich hier aber auch die Heftführung und Methodenkompetenz

Im Bereich Unterrichtsgestaltung geht es dann darum, ob und wie sich die Lernenden in den Unterricht einbringen. Für die Bestnote reicht es hier nicht, sich immer zu melden. Auch der respektvolle Umgang in Gruppenphasen und die Teamfähigkeiten fließen hier mit ein (Sozialkompetenz). Eine zentrale Information für die Lernenden ist in diesem Bereich, dass ich nicht zwischen einer Meldung für eine Frage oder eine Antwort unterscheide. Jeder gewinnbringende Beitrag für den Unterricht zählt in diesem Fall. Die Qualität der Aussagen bei der Meldung fällt in den Bereich der Sach- und Fachkompetenz.

In diesen drei Bereichen habe ich anschließend versucht, für jeden Notenbereich Anforderungen zu definieren. Dabei habe ich nach Anhaltspunkten in den Fachanforderungen und Bildungsstandards gesucht, um diese auch zu legitimieren. Die Anforderungen habe ich dann so knapp und gleichzeitig verständlich wie möglich in einer Tabelle eingetragen. Das Ergebnis ist eine tabellarische Matrix, die ich den Lernenden dann zu Beginn eines jeden Schuzljahres austeilen kann:

Bei der Vergabe der mündlichen Noten bespreche ich dann also nicht eine Note, sondern gleich drei. Die Lernenden haben dann neben der blanken Zahl auch eine Formulierung der Einschätzung und können auf dieser Basis mit mir zielführend darüber diskutieren, in welchen Bereichen sie sich anders Einschätzen. In der Regel ändert eine solche Diskussion allerdings nichts an meiner Einschätzung. Stattdessen achte ich dann für die nächste Runde mündlicher Noten hier im besonderen auf einen Bereich, in dem der/die Lernende sich anders eingeschätzt hat.

Nun sollte man meinen, dass eine solche Diskussionsgrundlage zu noch mehr Situationen führt, in denen die Lernenden um ihre Noten feilschen wollen. Tatsächlich habe ich genau das Gegenteil erlebt. Seitdem die Lernenden von mir am Anfang des Schuljahres diese Bewertungsgrundlage bekommen, können sie die Noten viel besser nachvollziehen. Außerdem bekommen Sie die Möglichkeit, ihre Selbsteinschätzung mit einer Note in Verbindung zu bringen und stellen dann oft fest, dass sie sich selbst sogar noch schlechter benoten würden, als ich es tue.

Ich freue mich über Hinweise, Ergänzungen, Kommentare und Feedback an: kontakt@jenslindstroem.de
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