Der Begriff des „Design Thinking“ war mir relativ neu und ich hatte ihn vor meinem Einstieg auf Twitter im August nicht gehört. Eine kurze Suche im Netz ergibt wenige Quellen, die aber kein einheitliches Bild abgeben. Die Bildungspunks haben zu einer Blogparade zum Thema aufgerufen und Ines Bieler versucht sich erstmal selbst an einer Definition für „Design Thinking“, in der sie verschiedene Quellen rezitiert und den gleichen Nenner sucht, den sie in Problemlösung und Ideenentwicklung findet. Eine weitere Überschneidung der verschiedenenen Definitionen sehen @Tartharule in seinem Blog und @DerLinkshaender in seinem Beitrag im Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher Qualifikationen und im Generieren eines kreativen Umfelds. Ich versuche die Meinung mal zusammenzufassen in dem Satz: „Ganz nette Idee. Aber eigentlich nichts neues, teilweise trivial und zu großen Teilen in Schule nicht umsetzbar.“ Ein großes Problem, das ich hier zwischen den Zeilen lese, ist der Anspruch, den die Methode hat. Mit Design Thinking sollen unkonventionelle Lösungsansätze gefunden werden. Ideen die vorher niemand hatte. Und ob sie das leisten kann, ist äußerst fragwürdig.

„Probleme lösen, Ideen entwickeln und dafür die notwendigen Qualifikation in einem förderlichen Umfeld zusammen bringen“ stellt mich als Definition für Design Thinking irgendwie nicht zufrieden. Deshalb habe ich ein bisschen weiter gesucht. Irgendwas muss ja dran sein, an diesem Hype. Interssant wurd das Thema in dem Moment, als ich ein Interview mit David Kelley fand, der laut HPI der Begründer dieser Methode ist.

In einem erstaunlich teuren MOOC (nein, ich habe ihn mir nicht angetan) wird dann erklärt, was sich hinter Design Thinking verbergen soll und wie man die Methode anwendet. Dabei werden vier Schwerpunkte gesetzt.

  1. „Gather Inspiration – Discover what people really need“
  2. „Generate Ideas – Push whats obvious to get to break through solutions“
  3. „Make ideas tangible – Build rough prototypes to make Ideas better“
  4. „Share the story – Inspire others towards action“

Was ist nun also Design Thinking? Ich verstehe es als Methodenset, um die eigene Arbeit zu strukturieren. Was hat das ganze mit „Design“ zu tun? Ein guter Designer erstellt hübsche Designs. Ein sehr guter Designer erstellt Designs, die den Vorstellungen seines Kunden entsprechen und zur Identität des Kunden bzw. der Firma passen. In eine ähnliche Richtung geht die Sunset-Methode (ab 18:30). Ich empfehle an dieser Stelle, selbst ins Interview hinein zu schauen und diese Methode auszuprobieren. Es geht hierbei darum, Ideen nicht in der Luft schweben zu lassen, sondern sie real, emotional, kontextual und menschlich werden zu lassen.

In meinen Augen hat die Design Thinking Methode tolle Ansätze für Schule und Unterricht. Sie bringt einen dazu, zentrale Fragen zu stellen, die ich am Beispiel der Erstellung eines Medienkonzept erörtern möchte:

  • Wessen Input brauche ich?
    Im Unterricht haben die Lernenden sich nocht nicht spezialisiert. In Schulentwicklung ist dieses Thema aber zentral. Beispiel Medienkonzept: Wer muss daran mitschreiben? Die Schulkonferenz muss eine Vision von Bildung entwickeln. Lehrkräfte müssen äußern, welche Medien sie für den Unterricht brauchen. IT-Fachkräfte müssen Infrastruktur planen. Der Schulträger muss ein Finanzierkungskonzept vorlegen. Schul-Sozialarbeiter erarbeiten Konzepte zur Prävention. Ohne Professionalisierung und klare Verteilung der Verantwortung klappt zeitgemäße Bildung nicht. Und deswegen muss die Frage gestellt werden, wessen Kompetenzen benötigt werden und wie diese Personen gut zusammenarbeiten können.
  • Wie kann ich ein kreatives Umfeld schaffen?
    Der Alltag von Lehrkräfte ist geprägt von Zeitdruck, Leistungsdruck und vielen Baustellen. Der Alltag von Lehrkräften ist viel zu selten geprägt von Wertschätzung, Planmäßigkeit und dem abschließenden Bearbeiten eines Problems. In diesem Umfeld offen für Neues zu sein, ist nicht leicht. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Digitalisierung setzt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen von Lehrkräften Voraus. Hier habe ich meine Gedanken dazu aufgeschrieben.
  • Wie versetze ich mich in den „Kunden“?
    Bleiben wir beim Medienkonzept. Plant man die Infrastruktur für Schulen, muss man sich in die Lage von Lehrenden und Lernenden versetzen. Was ist ihnen wichtig? Haben die Lernenden teure Geräte gekauft, wollen sie vermutlich auch Möglichkeiten, diese abzuschließen. Die Schulleitung schafft teure interaktive Tafeln an, die Lehrkräfte sind aber nicht bereit, diese zu benutzen. Wie kann ich also die Lehrkräfte in den Prozess einbeziehen, eine Ausstattung mit Präsentationsgeräten zu finden, die sie auch ihren Anforderungen im Unterricht entsprechen und nicht nur auf dem Papier toll klingen? „Discover what people really need.“
  • Wie öffne ich mein Mindset und schaue über den Tellerrand?
    Eines der größten Probleme in Schule ist der scheinbare Stillstand. Selbst junge Lehrkräfte frisch aus dem Referendariat unterrichten allzu häufig nach dem Vorbild ihrer eigenen ehemaligen eigenen Lehrkräfte. Man muss immer wieder aus den gewohnten Bahnen ausbrechen und neue Inspiration suchen. Und das Ablegen alter Muster muss bewusst gestaltet werden, also ein Muss für die Schule. „Push whats obvious to get to break through solutions.“
  • Wie wird aus einer Idee eine Umsetzung?
    Eine Vision ist wichtig. Aber Ziele müssen so gesetzt werden, dass sie erreichbar, umsetzbar und evaluierbar sind. In vielen Medienkonzepten werden seitenlang gesellschaftliche Veränderungen beschrieben und wie wichtig doch alles ist. Aber konkret wird es selten. Namen der Verantwortlichen, Deadlines und konkrete Arbeitsaufträge fehlen häufig. Also: Ideen greifbar machen, an konkreten Beispielen umsetzen und ausprobieren und nicht nur von einer besseren Welt träumen. „Build rough prototypes to make ideas better.“
  • Wie kann ich Ergebnisse teilen?
    Eine Idee muss gut verkauft werden. Schauen wir ins Kollegium haben wie viele Personen mit ihren eigenen Problemen und Ängsten. Diese Lehrkräfte sollen nicht abgeschreckt, sondern inspiriert, ermutigt und mitgenommen werden. Wir wollen Schule und Unterricht entwickeln und das funktioniert nur gemeinsam. „Inspire others towards action.“

Wenn ich jetzt auf die Ideen hinter Design Thinking schaue, deckt sich das in großen Teilen mit den Ansätzen, mit denen ich Schulen berate. Beziehungsarbeit, Konzeptarbeit, konkrete Umsetzung, Wertschätzung, Weiterentwicklung. Eventuell passen die Ansätze von Design Thinking nicht auf unser starres System von Unterricht. Allerdings passen sie sehr gut auf Schulentwicklung.

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