Twitter ist auf den ersten Blick eine äußerst chaotische Kommunikationsplattform. Aus den good old times sind wir Gruppen- oder Ordnerstrukturen gewohnt und die gibt es in Twitter so nicht. Stattdessen setzt Twitter einen neuen Trend: man findet Beiträge nicht über Struktur, sondern über Labels, sogenannte Hashtags. Die Idee ist simpel. Anstatt in einer geschlossenen Gruppe zu diskutieren, wird jeder Kommentar zu einem bestimmten Thema mit einem Wort versehen, das den Inhalt treffend beschreiben soll. Damit sich dieses Wort von dem Rest der Nachricht unterscheidet, wird es mit einem Hash (das Ding hier: #) getagt (also gekennzeichnet, vom englischen „to tag“). Also wird das Wort zum Hashtag. Verschiedene solcher Hashtags werden genutz, um ein bestimmtes Thema anzusprechen (z.B. #zeigemäßeBildung) oder eine betimmte Zielgruppe zu erreichen (z.B. #BayernEdu, #Twitterlehrerzimmer).

Nun kann man Twitter trotz (oder gerade aufgrund) der fehlenden Möglichkeit, eine klare Gruppe zu definieren, als Tool für eine Gruppenkonversation zu verwenden. Die Idee für diese Twitter-Chats klingt erstmal einfach: einmal pro Woche trifft man sich für 60 Minuten, um über vorbereitete Fragestellungen zu diskutieren. Die Fragen sind vorher bekannt, so dass man sich mental darauf vorbereiten kann. Außerdem ist der Zeitpunkt des Treffens immer am selben Wochentag und zur selben Uhrzeit, um möglichst viele Teilnehmer anzusprechen. Die vorbereiteten Fragen werden dann vom Moderator der Reihe nach gestellt.

Wie das im Detail aussieht, möchte ich hier am Chat #nt2t zeigen. Das steht für „new teacher to twitter“. Der Chat richtet sich also an Anfänger und ist international. Besonders gut gefällt er mir, weil die Moderatoren und regelmäßigen Teilnehmer zwar auch kritisch hinterfragen, aber immer sehr freundlich sind. Toll zum Einstieg in Twitterchats (es sei denn, das eigene Englisch ist so eingerostet wie meins 😉

Im #nt2t-Chat wird in 60 Minuten mit 6 Fragen grob allen zehn Minuten eine Frage gestellt. Innerhalb diesen zehn Minuten hat man als Teilnehmer dann Gelegenheit, selbst eine Antwort auf die Frage zu formulieren, oder auf die Fragen der anderen zu antworten. Dabei ist es sinnvoll, nicht gleich zu Beginn auf Frage 5 zu Antworten. Immerhin möchte man alle Fragen als Gruppe durchdenken und nicht direkt vorgreifen. Statt dessen wartet man auf den Tweet des Moderators mit der entsprechenden Markierung.

Nun kommt die besondere Herausforderung bei Twitter: Wie markiert man seine Antwort so, dass sie von anderen gefunden werden kann? Und wie findet man andere Antworten? Ganz wichtig ist es natürlich, für den Talk einen gemeinsamen Hashtag zu verwenden. In diesem Beispiel ist das #nt2t. Außerdem muss man deutlich machen, auf welche Frage man antworten möchte. Während die Fragen mit Q1 bis Q6 gekennzeichnet wurden, antwortet man dann mit A1 bis A6 (je nach Frage).

Jetzt habe ich meine Antwort beigetragen und möchte natürlich wissen, was die anderen denken. Dazu muss ich die entsprechenden Tweets aus dieser unüberschaubaren Startseite herausfiltern. Die Twitter-Suche funktioniert hier analog zu einer normalen Suchmaschine. Um alle Antworten auf eine entsprechende Frage zu finden, kann mehrere Begriffe kombinieren, zum Beispiel „#nt2t A1“ als Sucheingabe. Sortiere ich die Ergebnisse nun nach „latest“, werden mir die aktuellsten Antworten auf Frage 1 angezeigt,weil sie alle sowohl #nt2t als auch A1 enthalten. Aber vorsicht: Scrollt man zu weit herunter, landet man schnell in den Antworten der vergangenen Wochen.

Suche ich explizit nach den Beiträgen zu einem bestimmten Termin, kann ich mit einem Code hier noch mehr ins Detail gehen. Dazu ein Beispiel: Gebe ich im Suchfeld „#nt2t A2 since:2019-01-19 until:2019-01-20“ ein, werden mir alle Beiträge angezeigt, die mit Hashtag #nt2t versehen sind, die Zeichen „A2“ enthalten (also alle Antworten auf Frage 2) und frühestens am 19.01.2019 aber vor dem 20.01.2019 (kurz gesagt: am 19.01.2019) verfasst wurden. Die Schreibweise muss dabei zu 100% korrekt sein, da der Code sonst nicht von Twitter erkannt wird.

Und jetzt wird es interessant. Ich möchte gerne die Antworten der ersten Frage sehen, gleichzeitig jemand anderem antworten. Ich hätte aber auch gerne im Blick, ob der Moderator bereits die nächste Frage postet oder ob jemand auf meine Antwort reagiert hat. Und dann geht es schon mit Frage 2 weiter? Jetzt muss ich dafür gefühlte drölftausend Twitter-Fenster öffnen. Oder ich verwende stattdessen eine App wie Tweetdeck. Tweetdeck kann man wie Twitter auch im Browser öffnen. Man erlaubt der App den Zugriff auf den Twitter-Account und kann sich dann mit dem eigenen Twitter-Account anmelden. Tweetdeck bietet dann eine alternative Benutzeroberfläche. Die sieht erstmal nicht so schön aus, wie die originale von Twitter. Dafür kann man in verschiedenen Spalten nach verschiedenen Suchbegriffen filtern. In etwa so:

 

In meinem Tweetdeck habe ich ganz links meine Benachrichtigungen, damit ich sehe, ob jemand auf meine Nachrichten reagiert. In Spalte zwei werden mir alle Nachrichten des Chat-Moderators angezeigt. Dieser twitter aber nicht nur die aktuellen Frage. Er nimmt auch selbst an der Diskussion teil und hebt ab und zu besonders interessante oder diskussionswürde Tweets hervor. so habe ich einen schnellen Überblick, wenn eine besondere Diskussion entsteht. In den weiteren Spalten folgen dann die verschiedenen Antworten auf die einzelnen Fragen. Ob es tatsächlich für jede Frage eine eigene Spalte sein muss, bleibt jedem selbst überlassen. Gerne nutze ich hier auch den Suchbegriff „#nt2t A1 OR A2 OR A3 OR A4 OR A5 OR A6“. Dabei wird nach allen Tweets gesucht, die #nt2t enthalten und einen beliebigen der Suchbegriffe A1 bis A6. Insbesondere die Reaktionen auf die Antworten fallen dadurch weg und man kann dann auf Grundlagen der jeweiligen Antwort entscheiden, ob man sich in die darunter entstandene Diskussion einlesen möchte. Im Tweetdeck kann man dann direkt antworten, liken und retweeten. Außerdem kann man alles vorher einrichten, sodass es zum Start des Chats direkt losgehen kann. Und das Beste: alles wird live aktualisiert. Gibt es einen neuen Beitrag in irgendeiner der Spalten, wird er unmittelbar angezeigt.

Empfehlenswert ist aber nicht nur die Live-Diskussion. Oft wird auch nach dem eigentlich Ende der Diskussions-Stunde noch weiter ausgetauscht. Immerhin ist oft auch Material dabei, das man sich erstmal in Ruhe anschauen möchte, bevor man darauf ragieren kann. Hier gibt es also eigentlich keine Regeln und es darf gerne weiter getwittert werden.

Insbesondere für Lehrkräfte interessante Chats findet man zum Beispiel über die Seite Participate.com. Dort werden auch die Termine für den Chat #nt2t eingepflegt und es gibt eine knappe Erklärung, was sich hinter dem Hashtag verbirgt. Man kann dort außerdem erfahren, wie viele Beiträge gepostet wurden und die einzelnen Tweets als Archiv nachlesen. Um Zugriff auf die Tweets zu haben, muss man sich leider anmelden. Dazu kann man aber analog zu Tweetdeck einfach den eigenen Twitter-Account mit der Seite verknüpfen und sich so über den Twitter-Account anmelden.

Bei ersten Mal wird es vermutlich alles sehr chaotisch und schnell erscheinen. Mit den richtigen Filtern und etwas Eingewöhnung ist es aber eine Power-Hour mit tollem neuen Input. Ich habe alle Chats, an denen ich bisher teilgenommen habe, als unglaublich einsteigerfreundlich und herzlich erlebt und es ist ein tolles Gefühl, sich mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt zu verbinden. Ich kann nur empfehlen, es mal auszuprobieren. Und für den Anfang reicht es ja auch, erstmal still mitzuhören oder sich beim Antworten auf einer der Fragen des Chats zu konzentrieren.

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