Warum Medienbildung immer auch politische Bildung sein muss

„Die Schule soll dem jungen Menschen zu der Fähigkeit verhelfen, in einer ständig sich wandelnden Welt ein erfülltes Leben zu führen.“ SchulG SH §4 (4)

Auf diesem Satz des Schulgesetzes baut mein persönliches Selbstverständnis als Lehrkraft auf. Und aus diesem Satz lässt sich auch unmisservständlich ableiten, dass der kompetente Umgang mit zeitgemäßen Medien im Wandel der Gesellschaft eines Platzes in der Schule bedarf. Die Frage, was nun unter „kompetentem Umgang“ zu verstehen ist, scheidet allerdings die Geister. Für viele heißt es, dass Schülerinnen und Schüler am Ende der Schullaufbahn das Zehnfingersystem und die Nutzung von Powerpoint beherrschen müssen (digitale Medien als Werkzeuge).
Die Strategie der Kultusministerkonferenz zur „Bildung in der digitalen Welt“ definiert einen deutlich umfassenderen Medienkompetenzbegriff, der von Recherche und Präsentation über eine gesunde und reflektierte Nutzung bis hin zum kritischen Hinterfragen des interessengeleiteten Medieneinsatzes z.B. großer Konzerne geht.

Jöran Muuß-Merholz geht mit seiner Pinguin-Medien-Metapher noch einen Schritt weiter. Wer das Video noch nicht kennt, sollte es unbedingt schauen und bei 1:12 des Videos bitte kurz die Augen zu halten. Diese Metapher versucht darzustellen, dass die technologischen Neuheiten der letzten Jahrzehnte nicht nur neue Werkzeuge hervorgebracht haben, sondern unsere gesamte Gesellschaft im Kern grundlegend verändern. Durch die Weiterentwicklung der Medienwelt verändern sich zwischenmenschliche Kommunikation, die Freizeitgestaltung, das Lernen und das Arbeiten. Es geht also nicht um das Verbessern oder Optimieren unserer alten Werkzeuge oder Verhaltensweisen. Es geht um das Eintauchen in eine völlig andere Welt, die ein neues Denken erfordert.

Nun sagt Jöran kurz vor Ende seines Videos, dass die alte Medienwelt nicht verschwinden werde. Und hier gehen unsere Meinungen auseinander. Ja es gibt die Ausnahmen. Es gibt die Leute, die sich bewusst neuen Formen der Medien widersetzen. Aber in den meisten Berufen ist das nahezu unmöglich. Und hat ein Teenager kein Smartphone, sind die Gründe dafür eher die finanzielle Situation oder eine bewusste pädagogische Entscheidung der Eltern und nicht die Wahl des Teenagers. In der SINUS-Jugendstudie (S.181) wird die „Fear of missing out“ beschrieben: digitale Teilhabe wird zur sozialen Teilhabe und ohne Smartphone droht soziale Ausgrenzung. Selbst Manfred Spitzer kommt nicht um das Smartphone herum (1:09:20).

In Herrn Spitzers Augen sind digitale Medien sicherlich so positiv, wie der Klimawandel. Und hier kommen wir zum Pinguin zurück. Genauso, wie der Klimawandel den Meeresspiegel in die Höhe treibt, wird die Weiterentwicklung der Medienwelt kommen. Ob uns das nun passt, oder nicht: es ist eine sich ständig wandelnde Welt. Der Lebensraum des Pinguins an Land wird überschwemmt und irgendwann bleibt dem Pinguin nur das Wasser. Und so sehr der Pinguin aber das Wasser braucht, um nach Nahrung zu suchen, braucht er das Land zur Fortpflanzung. Verschwindet das Land, verschwindet der Pinguin. Er geht buchstäblich unter.

Zum Glück sind wir keine Pinguine. Wir müssen nicht auf die Zerstörung unseres Lebensraumes warten, sondern können dem Klimawandel entgegenwirken. Und dafür protestieren aktuell tausende junger Menschen. Jugendliche übernehmen politische Verantwortung und gestalten aktiv die Gesellschaft und die Welt, in der sie leben wollen (#FridaysForFuture). Dazu müssen sie sich nicht nur der Probleme und Gefahren bewusst sein, sondern auch Handlungsalternativen kennen und sich auf demokratischem Wege dafür einsetzen. Wird das den Klimawandel aufhalten? Schwer zu sagen. Aber es kann den Wandel entschleunigen und die Gesellschaft in nachhaltigere und gesündere Bahnen lenken.

Aber nicht nur zum Thema Klimawandel nehmen die Jugendlichen das Heft selbst in die Hand. Auch wenn es um die Gestaltung des Internets geht: die Debatte um die aktuelle Urheberrechtsreform (#Artikel13) zeigt, dass selbst Teenager eine klare Meinung davon haben, in welcher „digitalen Welt“ sie leben wollen und bereit dazu sind, diese Welt selbst zu gestalten. Denn Medienkompetenz heißt nicht nur Werkzeuge einsetzen oder die eigene Privatsphäre oder Gesundheit zu schützen. Medienkompetenz heißt… „in einer ständig sich wandelnden Welt ein erfülltes Leben zu führen.“ Und das funktioniert nur dann, wenn wir den Wandel dieser Welt selbst gestalten. Die Debatte in Schulen muss dringend weg davon, ob Windows oder Apple die beste Software für den Unterricht bietet. Stattdessen müssen wir darüber reden, wie wir uns unabhängig von Lobbyismus und großen Konzernen machen können, um selbst den Rahmen für unser Leben zu definieren. Wir müssen darüber reden, wie das Internet im Sinne der Menschenrechte aussehen soll, in welcher Form wir das Internet regulieren wollen und können. Wir müssen darüber reden, wie wir die Interessen von Bürgern statt denen von Wirtschaftsunternehmen zur Maxime der gesellschaftlichen Entwicklung machen.

Manfred Spitzer ist nicht populär geworden, weil er sich Phantasiegschichten ausdenkt. Er nimmt begründete Ängste und vermischt diese mit etwas, das wie Wissenschaft aussieht. Er mag mit seinem erhobenen Zeigefinger im Recht sein, oder auch nicht. Unterm Strich ändert die Panikmache nichts am Problem. Wollen wir den neuen Herausforderungen durch neue Technologien bewusst und eigenverantwortlich entgegen treten, brauchen wir Bildung, Aufklärung und politisches Engagement. Jöran selbst bezeichnet digitale Medien als einen Verstärker. Will ich Lernen oder Kommunizieren, kann ich das mit digitalen Medien noch besser und einfacher. Will ich kriminellen Handlungen nachgehen oder gegen Menschen hetzen, kann ich das mit digitalen Medien noch besser und einfacher. Wollen wir für unsere Lernenden ein Nichtschwimmerbecken schaffen, in dem sie Potentiale und Gefahren digitaler Medien kennen lernen können, bevor sie damit alleine gelassen werden (und so verstehe ich Schule), klappt weder Spitzers Ansatz des Verbotes, noch können wir alles einfach laufen lassen. Es liegt also an uns, einen politischen und gesellschaftlichen Rahmen zu schaffen, in dem unsere Lernenden Verantwortung übernehmen können. Und wir müssen die Lernenden dazu befähigen, dort wieder anzusetzen und diesen Rahmen selbst weiter zu gestalten. Ein erfülltes Leben können unsere Schülerinnen und Schüler nur dann führen, wenn sie die Gesellschaft, in der sie leben, selbst gestalten. Deshalb muss Medienbildung immer auch politische Bildung sein.

 

Ein kleiner Disclaimer zum Schluss: Die Veränderung des Klimas können wir wohl eindeutig als negativ betrachten und dem entgegen steuern. Die Veränderungen der Medienwelt hingegen betrachte ich (wie auch Jöran in seinem Video) nicht als gut oder schlecht. Diese Veränderung können wir nicht aufhalten, wir müssen sie aber steuern. Der Vergleich von Medienwandel und Klimawandel hinkt also in dieser Hinsicht.

 

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