Okay. Für dieses Thema muss ich etwas weiter ausholen und es wird vielleicht auch nicht ganz so objektiv, wie ich es mir wünschen würde. Also bear with me here: wer bis zu Ende durchhält, bekommt nen Keks.

Es ist eine andauernde Diskussion im Twitterlehrerzimmer: Sind Programme wie LearningApps, Classroomscreen, H5P und Co hilfreich auf dem Weg zu zeitgemäßem Unterricht, oder sind sie es nicht? Immer wieder angestoßen wird diese Debatte durch Axel Krommer, weshalb ich mich hier auch immer wieder auf ihn beziehen werde. Sein Argument: Hinter den Lückentexten von LearningApps versteckt sich der Behaviorismus von Skinner, weshalb Herr Krommer diese Apps auch gerne „Skinner-Apps“ nennt.

Falls ihr die beiden Apps nicht kennt, habe ich hier zwei 90-Sekunden-Videos für euch, in denen sie kurz vorgestellt werden:

Ich stimme Herrn Krommer uneingeschränkt zu, dass sich bestimmte Funktionen der Apps Classroomscreen und LearningApps super dazu nutzen lassen, um den „alten“ Unterricht mit neuen Medien zu machen. Diese Apps stoßen gerade deshalb bei vielen Lehrkräften auf solche Begeisterung, weil die Lehrkräfte ihren Unterricht für neue Medien öffnen können, ohne dabei den Unterricht selbst maßgeblich ändern zu müssen. Und das ist nachvollziehbar. Man hat sofort eine Idee, wie diese App eingesetzt werden können und ist bereit, sie in den Unterricht zu integrieren. Und hier sind wir bei einem Kernargument von Jöran Muuß-Merholz: Digitale Medien sind Verstärker – Will ich Unterricht im Sinne des Behavioursimus machen, kann ich das mit digitalen Medien noch besser machen. Will ich Unterricht im Sinne des Konstruktivismus machen, kann ich das mit digitalen Medien noch besser machen.

Das Bestreben, die alten Unterrichtsmethoden beizubehalten, geht weiter über diese beiden genannten Apps hinaus. Die App-Liste lässt sich beliebig verlängern: Tutory ersetzt das Arbeitsblatt, GoodNotes ersetzt das Notizheft, Online-Wörterbücher ersetzen Offline-Wörterbücher, die Diercke-App ersetzt die 30 Atlanten im Schrank des Erdkunde-Fachraumes. Mit einer Dokumentenkamera kann ich mit einem Knopfdruck jedes Arbeitsergebnis der Lernenden digitalisieren und präsentieren, ohne mich auch nur ansatzweise mit digitalen Medien auseinander setzen zu müssen. Die Dokumentenkamera ist eine deutliche Weiterentwicklung gegenüber dem OHP, sie ist aber gleichzeitig Stillstand auf dem Weg, bei Lernenden oder Lehrkräften Medienkompetenz zu entwickeln. Ähnlich verhält es sich mit der interaktiven Tafel: Will ich es nutzen wie die grüne Tafel, dann funktioniert alles genau wie vorher. Allerdings muss man vorher noch die richtige Knöpfe finden, um in die Tafelfunktion zu kommen und bei Stromausfall oder einer technischen Störung funktioniert sie garnicht. Mit der Brille des analogen Unterrichts fühlt sich eine interaktive Tafel an, als würde man drei Schritte rückwärts gehen. Das erzeugt bei Lehrkräften, die (noch) durch diese Brille des analogen Unterrichts schauen, natürlich eine ernstzunehmende Abwehrhaltung. Die zentrale Frage an dieser Stelle wird eher selten gestellt: Welche dieser Hilfsmittel, die nun statt in analoger in digitaler Form vorliegen, können in zeitgemäßem Unterricht noch bestehen und welche müssen aussortiert werden?

Es hält sich wacker die Hoffnung, dass der Einsatz moderner Medien auch zum Einsatz moderner Lernformen führen werde. Die oben genannten Beispiele und die Argumentation von Herrn Krommer zeigen deutlich, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Hardware und Software entwickelt sich entsprechend der Bedürfnisse des Marktes und wenn der Markt nach Verstärkern für veraltete Lernformen schreit, dann bekommen wir genau das (Sorry, Marc).

Eine mögliche Antwort darauf, was unter „zeitgemäßen Lernformen“ eigentlich zu verstehen ist, gibt Lisa Rosa. Demnach sollte zeitgemäßer Unterricht lernerzentriert, erforschend, problemorientiert, perspektivistisch, re-kontextualisiert, im Austausch, ergebnisoffen und verbunden mit persönlichem Sinn erfolgen.

Jetzt wird sich der ein oder andere denken:
„Moment mal. Ich habe schon lernerzentriert und problemorientiert unterrichtet, bevor ich je einen Computer in der Hand hielt.“ Und erneut wird deutlich: zeitgemäße Lernformen hängen nicht zwingend vom Einsatz digitaler Medien ab. Eigentlich zwar doch, aber dazu später mehr.

Ist zeitgemäßer Unterricht das Ziel, so muss die Transformation auf dem Weg dorthin mehrdimensional geschehen. Eine technische Entwicklung alleine reicht genauso wenig, wie eine pädagogische Reform, die den aktuellen Stand der Technik ignoriert. Als Positivbeispiel für eine App, die sowohl zeitgemäße Lernformen unterstützt, als auch zeitgemäße Technik nutzt, verwendet Axel Krommer gerne Padlet.

Dass eine Entwicklung in ausschließlich pädagogischer oder ausschließlich technischer Sicht nicht zum zeitgemäßen Unterricht führen kann, bringt auch Dejan Freiburg in einem Tweet auf den Punkt:

„Bin immer überzeugter, dass es nicht die digital affinen Lehrenden sein werden/deren Affinität für Digitales, die/das #zeitgemäßeBildung in Schulen einführen/entwickeln/verankern werden/wird, sondern die Leute, die Ideen der Reformpädagogik in ner Kultur der Digitalität vertreten“

Jetzt könnte man konsequenterweise die Frage stellen, warum die zeitgemäße Technik überhaupt eine Bedeutung für zeitgemäßen Unterricht hat. Scheinbar ist es doch viel wichtiger, zeitgemäße Lernformen einzusetzen. Und ob die Gruppenarbeit an einer analogen oder digitalen Pinnwand (wie Padlet) passiert, spielt ja eher weniger eine Rolle!? Eine nachvollziehbare Antwort auf diese Frage gibt die Pinguin-Metapher von Jöran Muuß-Merholz: die fortschreitende Technik wandelt unsere Gesellschaft grundlegend. Sie wandelt die Art, wie wir Probleme lösen und sie wandelt die Art, wie wir lernen. Deshalb funktioniert zeitgemäßes Lernen nicht ohne zeitgemäße Technik.

Neben der zeitgemäßen Technik und Pädagogik gibt es noch weitere Dimensionen, die eine tragende Rolle spielen. Das sind insbesondere die Inhalte, die wir zum Lernen in der Schule wählen. Fachwissen hat nach wie vor eine zentrale Bedeutung im Unterricht. Aber Ziel des Unterrichts ist nicht die Produktion wandelnder Lexika, sondern lebenslang Lernender. Gerade vor dem Hintergrund der permanenten Verfügbarkeit des Wissens und der noch viel zu selten gestellten Frage nach dem Verfallsdatum von Wissen (siehe z.B. das geozentrische Weltbild, die newtonsche Physik oder eben auch den Behaviorismus) müssen die Inhalte der Lehrpläne kritisch betrachtet werden. Und beginnen wir mit diesem Schritt, fallen auch die weiteren Rahmenbedingungen des Lernens auf, die einem zeitgemäßen Unterricht entgegenstehen. Zum Beispiele die zeitliche und räumliche Struktur des Unterrichts oder der Endgegner: die Prüfungsformate. Ich möchte hier aber damit nicht den Rahmen sprengen und vorerst festhalten:

Erst dann, wenn wir zeitgemäße Technik, zeitgemäße Pädagogik und zeitgemäße Inhalte miteinander verbinden, können wir zeitgemäß unterrichten.

Wer zum Beispiel mit Jan Vedders Zusammenfassung zu diaktischen Modellen vertraut ist, wird jetzt sagen: „Mensch Jens. Das ist doch alles kalter Kaffee.“ Die Phrase „Mehrdimensionalität der Transformationsprozesse zur zeitgemäßen Bildung“ klingt zwar wichtig, aber eigentlich habe ich die ganze Zeit nur das TPACK-Modell beschrieben. In diesem werden drei Dimensionen festgelegt: Technik, Pädagogik und Inhalte (Technological Pedagogical And Content Knowledge – kurz TPACK). Wir können also festhalten, dass ich hier das Rad nicht neu erfinde und für uns an dieser Stelle zentral ist, sich nicht nur mit Technik und Pädagogik auszukennen, sondern in der Lage zu sein, die technischen Kompetenzen für pädagogische Zwecke zielführend einzusetzen (also nicht nur T und P, sondern TP).

Den Weg gestalten

Die große Frage ist nun, wie man es schaffen kann, die Lehrkräfte auf dem Weg zum zeitgemäßen Unterricht mitzunehmen. Nehmen wir mal die Lehrkräfte A, B, C und D als Beispiel. Lehrkraft A nutzt zeitgemäße Lernformen und ist auf dem aktuellen Stand der Pädagogik, traut sich allerdings nicht an einem Computer heran. Lehrkraft B hat bereits große Schrtte in beide Richtungen gemacht. Lehrkraft C würde man als „digital affin“ bezeichnen. Sie hat Bock auf neue Technik, sich aber bisher wenig Gedanken über zeitgemäße Pädagogik gemacht. Und Lehrkraft D entwickelt sich aktuell in keiner der Dimensionen weiter.

Mit Lehrkraft B gibt es soweit keine Probleme. Lehrkraft A hingegen macht aus ihrer Perspektive hochmodernen Unterricht, da sie pädagogisch auf dem neuesten Stand ist. Lehrkraft C wiederum macht auch aus ihrer Perspektive hochmodernen Unterricht, da sie immer die neuste Technik einsetzt. Wie kann man also diese beiden Lehrkräfte, die aus ihrer eigenen Perspektive am Puls der Zeit sind, dazu motivieren, sich auch in die jeweils andere Dimension weiterzuentwickeln?

Lehrkraft D erscheint erstmal als großes Problem. Wenn die Bereitschaft der Entwicklung in irgendeine Richtung fehlt, wird es schon schwierig werden, sie überhaupt in Bewegung zu versetzen. Häufig ist der Konsens, erstmal die Lehrkraft A und C zu B ins Boot zu holen. Anschließend haben wir D gegenüber eine ganz andere Argumentationsgrundlage. Herr Krommer vertritt an dieser Stelle die Meinung, Lehrkraft D sollte vollständig ignoriert werden.

Wie nimmt man aber die Lehrkräfte A und C (und damit ultimativ auch Lehrkraft D) mit? Folgt man der Logik, ist die Antwort klar: mit Methoden, die lernerzentriert, erforschend, problemorientiert, perspektivistisch, re-kontextualisiert, im Austausch, ergebnisoffen und mit persönlichem Sinn verbunden sind. Nur kommt es darauf an, ob wir diese Begriffe auch mit Leben füllen können. In diesem Kontext bedarf es insbesondere auch einer offene Kultur im Umgang mit Fehlern, kleine Schritte, niedrige Schwellen und allen voran sehr viel Geduld. Wir sollten mit guten Beispielen („Good Practices“) arbeiten, die nicht das Non-Plus-Ultra sind, sondern kritisch reflektiert werden dürfen.

Bullshit-Bingo

Wer mir auf Twitter folgt, wird wissen, dass ich den Argumenten von Herrn Krommer nicht unkritisch gegenüber stehe. Das ist teilweise sogar für mich selbst verwirrend, da ich seine Argumentationen inhaltlich sehr schlüssig finde und sie meinen Horizont stark erweitert haben. Im gleichen Moment beobachte ich an mir selbst, dass ich sehr emotional und mit einer deutlichen Abwehrhaltung darauf reagiere. Jetzt stelle ich mir die Frage, woran das liegt. Erstmal möchte ich an dieser Stelle Herrn Krommer um Entschuldigung bitten (falls er denn mitliest). Meine Kommentare waren teilweise bewusst trotzig, um deutlich zu machen, was das in mir auslöst. Das war nicht OK und hätte sachlicher laufen sollen. Also, lieber Axel: ich hoffe, du bist nicht böse. Ich gelobe Besserung.

Gleichzeitig gibt es aber auch einen Grund für diese Abwehrhaltung. Und ich bin damit offensichtlich nicht alleine. So beginnt Herr Krommer seine Vorträge teilweise mit der Bitte, nicht erzürnt den Saal zu verlassen. Im Podcast von Bob Blume beschreibt er, dass ihm immer wieder statt konstruktiven Gesprächen auch persönliche Angriffe entgegen gebracht werden. Es gibt einen entsprechenden Artikel von Sebastian Schmidt, der mir nicht unähnlich diese Abwehrhaltung an den Tag legt und dann nachvollziehbar beschreibt, warum es dann doch ein Problem mit der Argumentation von Herrn Krommer gibt. Diesen Artikel sieht Herr Krommer wiederum begründet in persönliche Aversionen.

Okay. Jetzt kommt der interessante Teil des Artikels. Warum regt mich Herr Krommer so auf?

Argumentationsversuch 1 kommt von Herrn Hofmann. Kurzgesagt glaubt er, das Twitterlehrerzimmer sei nicht kritikfähig und hätte auch keinen Bock auf eine kritische Betrachtung ihrer Methoden. Die Konsequenz der nicht gewollten Kritik ist, dass wir uns dann alle nurnoch gegenseitig auf die Schultern klopfen.
Diesen Ansatz halte ich für sehr kurz gedacht. Wenn Kritik einfach nur nicht erwünscht wäre, dann würden die Leute wohl nicht so emotional reagieren. Man könnte sagen, Axel würde „den Finger in die Wunde legen“. Das ist natürlich schmerzhaft und stößt auf Gegenwehr. Allerdings ist der betroffenen Person deutlich bewusst, dass eine Wunde existiert. Und hätten Leute wie Sebastian, Christian Leeser und ich einfach nur keinen Bock auf Kritik, so würden wir vermutlich nicht Stunden damit verbringen, uns inhaltlich mit dieser Kritik auseinander zu setzen und ganze Blogartikel dazu zu schreiben.

Argumentationsversuch 2 kommt vom Herrn Krommer selbst. Im Podcast wird gemutmaßt, dass die Leute deshalb so ablehnend reagieren, weil dann ihr über Jahre hinweg aufgebautes Werk von App-Plattformen in Frage gestellt würde.
Ich kann für mich sagen, dass das definitiv nicht mein Problem ist. Die 90-Sekunden-Videos, die ich zu verschiedenen Apps erstelle, haben einen ganz bestimmten Zweck. Ich möchte keinen Workshop darüber halten, wie LearningApps funktioniert. Ich möchte in einem 90-sekündigen Video zeigen, was LearningApps ist, damit ich anschließend mit der Gruppe darüber reflektieren kann, ob der Einsatz dieser App in irgendeiner Weise dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt oder dabei hilft, Medienkompetenzen zu entwickeln. Auch mein Artikel „Apps bis zum Umfallen“ , in dem ich über 30(!) solcher Appsammlungen zusammen führe, hat ganz bewusst diesen provokativen Titel. Für Kolleginnen und Kollegen, die tatsächlich nach einer konkreten App suchen, ist der Artikel vielleicht eine Hilfe. Tritt man aber mal einen Schritt zurück und sieht diese Unmengen an Arbeit, die in dutzende Sammlungen von Apps geflossen sind, die übermorgen alle nach dem nächsten Update überholt sind, löst vielleicht auch einen Denkprozess aus. Dieser Prozess ist für Herrn Krommer lange abgeschlossen. Vielleicht greift er deshalb auch genau diese Formulierung „Apps bis zum Umfallen“ im Podcast mit Bob Blume auf. In jedem Fall ist das nicht der Grund, warum das Thema für mich so emotional aufgeladen ist.

Argumentationsversuch 3 findet sich im Artikel von Sebastian Schmidt und kommt der Sache nun schon deutlich näher. Ich will nicht den ganzen Artikel zusammenfassen, aber ziehe mal eine kleine Passage heraus:
„Es ist für mich wie beim Lernen der SchülerInnen: ich kann mich nicht vorne hinstellen und ihnen sagen, wie etwas geht bzw. welche Fehler sie meiden sollen. Wenn sie etwas nachhaltig begreifen wollen, müssen sie Fehler selber machen, ausprobieren und dann reflektieren. Das Lernen kann nicht nur durch Instruktion geschehen, es muss einen individuellen Wert und eine individuellen Weg dorthin beinhalten.“
Ich formuliere das ganze mal ein wenig um:
„Will man Menschen den Konstruktivismus näher bringen, sollte man auch Methoden des Konstruktivismus nutzen.“ Siehe oben: lernerzentriert, erforschend, problemorientiert, perspektivistisch, re-kontextualisiert, im Austausch, ergebnisoffen und verbunden mit persönlichem Sinn.
Eine ähnliche Argumentation bringt an dieser Stelle auch Philippe Wampfler ein: Lernen erfolgt schrittweise. Ich habe oben schon erläutert, dass eine Öffnung für zeitgemäße Lernformen und eine Öffnung für den Einsatz zeitgemäßer Technik nicht zwangsläufig im Gleichschritt passieren muss. So schreibt Wampfler:
„Letztlich erlauben die Skinner-Apps unsicheren Kolleginnen und Kollegen, *einen* Schritt zu gehen, statt mehrere auf einmal gehen zu müssen. […] Setzen diese unerfahrenen Kolleginnen und Kollege [vgl. Lehrkraft A] Skinner-Apps ein, werden sie sofort merken, dass sie nach dem Schema Reiz-Reaktion-Rückmeldung funktionieren und einen differenzierten Umgang mit Wissen nicht zulassen – nur haben sie dann einen erste Annäherung an digitale Werkzeuge hinter sich.“
Solange man sich man sich Schrittweise dem Ziel des zeitgemäßen Unterrichts nähert, gibt es keinen Grund, den Lernenden (in diesem Falle ist damit die sich weiterentwickelnde Lehrkraft gemeint) zu kritisieren. Und auch wenn Herr Krommer immer sagt, er würde die App und nicht die Lehrkraft kritisieren, fühlen sich die Lehrkräfte offensichtlich doch von der Kritik angesprochen.

Argumentationsversuch 4 stelle ich mal selbst in den Raum. Es liegt etwas in der Art und Weise, wie die Argumente formuliert sind, das nicht zu meinem Bild vom Unterrichten passt. Oft hatte ich die Begriffe „Oberlehrer“ oder „Besserwisser“ im Kopf, die werden der Sache aber nicht gerecht. Christian Mayr bezeichnet den Tonfall als destruktiv. Aber wenn ich die Argumente doch für nachvollziehbar und wahr halte, wie können sie dann destruktiv sein?

  • Beispiel „Mehrwert“: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es viele Personen gibt, die nach einem Mehrwert digitaler Medien für die veralteten Lernformen suchen. Diese Personen haben eine ganz konkrete Vorstellung des Mehrwert-Begriffs und dieser passt nicht zu zeitgemäßer Bildung, weil er auf einer überholten Didaktik fußt. Das kritisiert Herr Krommer zurecht. Und er verbrennt mit der Überschrift „Wider den Mehrwert“ den ganzen Begriff. Es gibt aber viele andere Menschen, die unter dem Begriff „Mehrwert“ eine ganz andere Vorstellung haben. Für diese Menschen könnte der Mehrwert der Öffnung des Unterrichts für zeitgemäße Medien darin liegen, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen anzuerkennen, sich der Lebenswelt der Lernenden anzunähern und die Implikationen dieser sich ständig verändernden Medienwelt für die Zukunft, auf die wir die Lernenden vorbereiten müssen, in unseren Unterricht einzubauen. Jetzt wurde aber der Begriff „Mehrwert“ aufgrund der erstgenannten Personengruppe auf die Bullshit-Bingo-Liste gesetzt. Und mich frustriert total, dass ich in keiner Gruppe mehr über den Mehrwert reflektieren kann, ohne dass jemand sagt „Jaja, dass das mit dem Mehrwert Blödsinn ist, wissen wir ja schon länger. Lesen sie mal den Krommer, dann verstehen Sie das auch.“
  • Beispiel „Medien als Werkzeuge“: Hier stellt Herr Krommer sogar deutlich heraus dass es eine Berechtigung dafür gibt, digitale Medien als Werkzeuge zu betrachten. Allerdings liegt die große Herausforderung der Schule nicht darin, technische Geräte zur Verbesserung des Lernens einzusetzen, sondern die gesellschaftlichen Entwicklungen, die durch neue technologische Entwicklungen ausgelöst werden, in Schule einfließen zu lassen. Er schreibt wortwörtlich „Medien sind nicht nur Werkzeuge …“ Trotzdem steht das Wort „Werkzeug“ auf der Bullshit-Bingo-Liste.
  • Beispiel LearningApps: Es ist zwar eine Mutmaßung, aber wahrscheinlich wurde diese App mit genau der von Herr Krommer angesprochenen Design-Philosophie entwickelt. Und das ist der Gedanke, überholte Prüfungsformate wie Lückentexte und Zuordnungsaufgaben in ein Format zu bringen, das computergestützt ausgewertet werden kann. Es ist durchaus möglich, dass Classroomscreen mit dem Hintergedanken entwickelt wurde, die Lehrkraft in ihrer absoluten Kontrolle über die Lernenden zu unterstützen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Anwendungsmöglichkeiten gibt. Gerade Classroomscreen kann man auch nutzen, um die Kontrolle über die Arbeitsatmosphäre, auf die man sich gemeinsam geeinigt hat, in Schülerhände zu legen. LearningApps bringt neben dem Prüfungsformat für Lückentexte übrigens auch Tools für eine Gruppenabstimmung und eine Chatfunktion mit. Das sind Funktionen, die sich auch in Padlet finden, was ja ein Paradebeispiel für zeitgemäßen Unterricht sein soll. Auch LearningApps und Classroomscreen können einen Platz im zeitgemäßen Unterricht haben. Und da stimmt (wenn auch etwas widerwillig) selbst Herr Krommer zu.

Hier entsteht ein ständig wachsendes Minenfeld. Die nächsten Begriffe auf der Abschussliste sind übrigens AR/VR. Bleiben wir mal bei dem Beispiel. Dynamische Geometriesoftware ist eine unglaubliche Hilfe, um sich geometrische Probleme besser vorstellen zu können. Das größte Problem ist, dass wir dreidimensionale Vektorrechnung immer in zweidimensionalen Darstellungsformen auf Papier oder auf einem Bildschirm anschauen müssen. Manche Lernende können das ohne Probleme, manche haben irgendwann ein Aha-Erlebnis. Für manche Lernende bleibt ein dreidimensionales Koordinatensystem auf Papier gezeichnet immer ein Brei aus Strichen, Pfeilen und Kreuzen. Aus diesem Grund behilft man sich im Mathematikunterricht, indem man kleine Gestelle aus Holzspießen baut oder teure Gestelle kauft. Das hilft in der Regel dabei, hinterher die Darstellung im kartesichen Koordinatensystem besser verstehen zu können. Das Problem: die Dynamik geht dabei verloren. Im Gegensatz zu Geogebra kann ich nicht einfach an einem Knopf drehen und der Holzspieß dreht sich gemäß des Paramters. Betrachtet man zusätzlich den Aufwand, ist das auch eher eine einmalige Geschichte im Unterricht, als ein probates Mittel für tägliche Visualisierungen. Eine Darstellung in Virtual oder Augmented Reality ist hier ein riesiger Schritt nach vorne, weil die räumliche Vorstellung vereinfacht wird und das Ganze gleichzeitig dynamisch bleiben kann. Die Eingabe ist noch nicht so richtig intuitiv, aber Geogebra ist da auf einem sehr guten Weg. Und während ich Mathematik-Fortbildungen zum Nutzen dieser neuen Möglichkeiten gebe, lese ich das hier auf Twitter: „Exklusiver Blick in die Entwicklungsabteilung von #AR-Apps. Man ist verzweifelt auf der Suche nach dem #Mehrwert für die Schule…“

Vielleicht hat Herr Krommer Recht, wenn er sagt, dass diese AR-App zum Vokabellernen nicht dabei hilft, eine Sprache verstehen und fließend sprechen zu können, ich bin kein Sprachdidaktiker. Was ist aber die Konsequenz, wenn AR/VR zum nächsten „Sinnbild für eine Ideologie, die gutem Unterricht entgegensteht“ wird? Der Begriff wird für eine zielführende Diskussion verbrannt. Und das kann man mit gutem Gewissen als destruktiv bezeichnen.

Puh. Ist der Artikel bald mal zu Ende?

Ich möchte abschließend nochmal auf das Ausgangsthema zurück kommen. Für zeitgemäße Bildung benötigen wir zeitgemäße Lernformen UND zeitgemäßen Medieneinsatz. Wir müssenden Blick nach vorne richten und Veränderung in beiden Dimensionen herbeiführen und insbesondere auch reflektieren, welche Methoden dabei wirklich zielführend sind. Herr Krommer, Jöran und Sebastian haben mit soooo vielem Recht, was sie sagen. Dieser Input ist für mich unbezahlbar. Deshalb dürfen wir uns nicht (so wie ich es gemacht habe) aufgrund von persönlicher Betroffenheit nachvollziehbaren Argumenten und berechtigter Kritik sperren.

So. Und hier ist dein Keks:

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