Mathe, Medien, Lehrkräftebildung

Kommentar: Die Grundschullehrkräfte sind nicht schuld am Leistungsabsturz.

Am 01. Juli 2022 ist der Kurzbericht zum aktuellen IQB-Bildungstrend 2021 erschienen. Cornelia Schwartz, die Vorsitzende des geschäftsführenden Vorstands des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, die mich so fassungslos gemacht hat, dass ich dazu einen Kommentar aus Perspektive eines Mathematiklehrers und -didaktikers schreiben muss. Aber fangen wir vorne an.

Der IQB-Bildungstrend 2021

Für den IQB-Bildungstrend werden regelmäßig Schülerinnen und Schüler aus allen Bundesländern Deutschlands einerseits getestet, um das Erreichen der Bildungsstandards zu überprüfen. Andererseits werden die Schülerinnen und Schüler, ihre Lehrkräfte und Schulleitungen befragt, um mögliche Ursachen und Wirkungszusammenhänge aus den Lernbedingungen abzuleiten. Auftraggeber dieser Studie ist die KMK (Kultusministerkonferenz) und durchgeführt wird sie von mehreren Professorinnen und Professoren und anderen Wissenschaftler:innen, die die verschiedenen Teile des Berichts aus ihren eigenen Forschungsschwerpunkten heraus analysieren und interpretieren. Der Schwerpunkt der Berichte wechselt: während im Bildungstrend 2018 die naturwissenschaftlichen Fächer der Sekundarstufe I im Fokus standen, stehen in der Bildungstrend 2021 Grundschulen in den Fächern Mathematik und Deutsch im Mittelpunkt. Der Bildungstrend 2021 ist damit nach den Studien der Jahre 2011 und 2016 der dritte der Reihe im Primarbereich, woraus dann der Trend abgelesen wird. Am 01. Juli wurde zur Erhebung von 2021 ein Kurzbericht mit den zentralen Ergebnissen von der KMK vorgestellt. Die vertiefenden Analysen und Ergebnisse werden dann im Oktober 2022 veröffentlicht.

Ein genauerer Blick lohnt in diesem Zusammenhang in die Beispielaufgaben, die repräsentativ für die Testaufgaben des Bildungstrends stehen sollen. Für Mathematik findet man je eine Beispielaufgabe zu den verschiedenen Leitideen und einen Verweis auf das Buch „Bildungsstandards: Kompetenzen überprüfen, Mathematik Grundschule, Klasse 3/4“. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass die Beispiele sehr vielfältig sind. So findet man Aufgaben…

  • zum logischen Vertauschen von Zahlen der Stellenwerttafel, um solche Zahlen mit besonderen Eigenschaften zu erzeugen (Leitidee Muster und Strukturen),
  • zum Zeichnen eines Spiegelbilds auf einer einfachen Form eines Koordinatensystems (Leitidee Raum und Form),
  • zum sinnentnehmenden Erfassen von Daten in tabellarischer und Diagrammform (Leitidee Daten, Häufigkeiten, Wahrscheinlichkeit),
  • zum Erkennen linearer Zusammenhänge und zum Berechnen für größer werdende Zahlenwerte (Leitidee Muster und Strukturen) und
  • zum Umrechnen von Größen – z.B. Minuten und Sekunden in Sekunden (Leitidee Größen und Messen).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass (soweit man es anhand der fünf Beispielaufgaben einschätzen kann) perfekt beherrschte Standardrechenverfahren hier nicht im Zentrum der Leistungsüberprüfung stehen. Diese spielen untergeordnet bei der Umrechnung der Zeiteinheiten eine Rolle. Insgesamt liegt der Schwerpunkt der Aufgaben auf dem Abprüfen von vielfältigen Grundvorstellungen in verschiedenen Kompetenzbereichen, wie dem mathematischen Problemlösen, dem mathematischen Modellieren, dem mathematischen Argumentieren und dem Verwenden unterschiedlicher mathematischer Darstellungsformen. Insgesamt sind die Aufgaben also sehr kompetenzorientiert und stehen im Einklang mit den Bildungsstandards, deren Erreichen sie überprüfen sollen.

Abbildung aus dem Kurzbericht zum IQB-Bildungstrend 2021. Dargestellt sind die im Durchschnitt durch die Schülerinnen und Schüler erreichten Punktewerte in den Aufgabenstellungen im Jahresvergleich. Eine höhere Punktzahl entspricht besseren Ergebnissen

Aus dem kürzlich veröffentlichten Kurzbericht können nun die Gesamtwerte für den Bereich Mathematik abgelesen werden. Dazu heißt es (ausgewählte Ergebnisse):

  • „Auch im Fach Mathematik (Globalskala) fallen die im Mittel erreichten Kompetenzen für Deutschland insgesamt im Jahr 2021 signifikant niedriger aus als im Jahr 2016. Dies entspricht einem Kompetenzrückgang von etwa einem Viertel eines Schuljahres. Anders als im Fach Deutsch ist diese ungünstige Entwicklung im Fach Mathematik seit 2016 nur wenig stärker ausgeprägt als der negative Trend zwischen den Jahren 2011 und 2016.“ (Seite 10; siehe dazu auch obige Abbildung).
  • „Im Jahr 2021 erreichen oder übertreffen im Fach Mathematik rund 55 % der Viertklässler:innen den Regelstandard, mehr als ein Fünftel der Schüler:innen (22 %) verfehlt den Mindeststandard.“ (Seite 12)
  • „Zwischen den Jahren 2016 und 2021 haben sich die sozialen Disparitäten in allen untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen signifikant verstärkt.“ (Seite 14)
  • „Da sich die Kompetenzen der Schüler:innen mit Zuwanderungshintergrund bereits seit dem Jahr 2011 (erste Generation) bzw. seit dem Jahr 2016 (zweite Generation) in allen untersuchten Kompetenzbereichen signifikant ungünstiger entwickelt haben als bei Schüler:innen ohne Zuwanderungshintergrund, haben auch die zuwanderungsbezogenen Disparitäten in diesem Zeitraum signifikant zugenommen.“ (Seite 17)
  • „Die Trendanalysen zeigen, dass die Schüler:innen ihre eigenen Kompetenzen im Fach Deutsch im Jahr 2021 etwas niedriger einschätzen als im Jahr 2016. Im Fach Mathematik ist das Selbstkonzept stabil geblieben. Das Interesse ist sowohl im Fach Deutsch als auch im Fach Mathematik signifikant zurückgegangen. Geschlechterunterschiede sind für die Veränderungen nicht zu verzeichnen.“ (Seite 18)

Als mögliche Ursachen werden im Bericht die Pandemie und die Erhöhung der zuwanderungsbezogene Heterogenität der Schüler:innenschaft benannt. Es wird davon ausgegangen, dass die Pandemie eine Rolle spielt, aber nicht alleine für den negativen Trend verantwortlich ist. Es wird jedoch auch klar ausgesagt, dass eine eindeutige Klärung der Ursachen aufgrund der Anlage der Studie nicht vorgenommen werden kann. Weitere Hinweise für mögliche Ursachen sollen mit den detaillierten Analyseergebnissen im Oktober 2022 folgen.

Die Kritik des Philologenverbandes

Als Reaktion auf diese Studienergebnisse haben nun Cornelia Schwartz, die Vorsitzende des Vorstands des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, und Jochen Ring, Pressereferent, eine Pressemitteilung veröffentlicht (abgerufen 5.7.22). Hier ein Auszug:

  • „Die Landesvorsitzende des Verbandes der Gymnasiallehrkräfte, Cornelia Schwartz, zeigt sich entsetzt über die Ergebnisse der aktuellen, von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebenen Studie des IQB-Bildungstrends 2021, die heute veröffentlicht wurde, und weist die bislang angestellten Mutmaßungen bezüglich der Ursachen zurück: „Nicht erst seit Corona sind im Hinblick auf das Lesen, Schreiben und Rechnen schwerwiegende Defizite deutlich geworden. Man kann die derzeit von den Hochschulen propagierte Grundschuldidaktik fast schon als eine Didaktik der Verwahrlosung bezeichnen: Fehler werden nur noch ansatzweise korrigiert und setzen sich daher in den Köpfen der Kinder fest, von der Lehrkraft angeleitete gemeinsame Erarbeitungsphasen geißelt diese Didaktik als lehrerzentriert, und automatisiertes Üben beim Rechnen – davon will man gar nichts mehr wissen. Ein solcher Ansatz führt uns schon seit Jahren an den pädagogischen Abgrund, aber während der Pandemie und der Phasen des Fernunterrichts war dieser Ansatz erst recht zum Scheitern verurteilt. Der Philologenverband Rheinland-Pfalz fordert die Bildungspolitiker der Länder auf: Beenden Sie diesen Wahnsinn! Sorgen Sie dafür, dass eine schädliche Didaktik schnellstmöglich revidiert und Kindern das Leid des endgültigen Scheiterns erspart wird! „Konsequentes Rechtschreiben und ein Verbessern von Fehlern, das Erlernen einer echten Schreibschrift, mehr Ruhe und Konzentration im Unterricht, Mathematikbücher, die nicht fünf verschiedene Rechenwege aufzeigen, sondern zunächst ein sinnvolles Rechenverfahren üben, und zwar nicht an drei kleinen Mini-Aufgaben, sondern so lange, bis das Verfahren sicher und selbständig ausgeführt werden kann – damit wäre schon viel geholfen, und zwar völlig kostenneutral. Man muss sich nur von den ideologischen Scheuklappen mancher Didaktiker befreien“, so Schwartz.“

Zeitgemäße Grundschuldidaktik

Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, was die „von Hochschulen propagierte Grundschuldidaktik“ ist. Da ich kürzlich einen berufsbegleitenden Studiengang zur Fortbildung von Mathematiklehrkräften absolviert und dabei etwa ein Dutzend Mathematikprofessor:innen (auch aus dem Grundschulbereich) von mehreren Unterschiedlichen Universitäten kennen gelernt habe, kann ich dazu einen Einblick geben. Im Rahmen dieses Studiengangs wurden unter anderem von den Grundschul-Mathematikdidaktikprofessor:innen die Merkmale guter Aufgaben zitiert, wie sie auch vom DZLM (Deutsches Zentrum für Lehrerbildung Mathematik) im Projekt primakom dargestellt werden:

„Gute Lernaufgaben

  • sind herausfordernd auf unterschiedlichem Anspruchsniveau
  • fordern und fördern inhalts- und prozessbezogene sowie übergreifende Kompetenzen
  • knüpfen an Vorwissen an und bauen das zu erwerbende Wissen kumulativ (vernetzt) auf
  • sind in sinnstiftende Kontexte eingebunden
  • sind vielfältig in den Lösungsstrategien und Darstellungsformen
  • stärken das Könnensbewusstsein durch erfolgreiches Bearbeiten.“ (primakom DZLM – abgerufen 5.7.22)

Die vom DZLM zur Verfügung gestellten Aufgaben, wie hier zum Projekt PIKAS einsehbar, sind sehr vielfältig. So findet man zum Beispiel die Mal-Mühle, die als besondere Form des Pyramidenrechnens beginnt und später gezielt Anregungen zum mathematischen Kommunizieren und zum Entdecken von Termstrukturen und Zahlenzusammenhängen gibt. Auch Material zu Zahlenmauern sind zugänglich. Diese starten als Übungsaufgaben zum Rechnen, fokussieren aber dann auf die Manipulation einzelner Zahlen im Zusammenhang und die Vorhersage über die Entwicklung anderer Zahlen im System. Dazu muss mathematisch argumentiert werden. Die Mathe-Kartei bietet vielfältige lebensweltnahe Ideen für Übungsaufgaben. Aber auch offene Lernumgebungen werden explizit als gute Aufgaben aufgeführt. Bei den Streichholz-Vierlingen und den Würfelgebäuden steht das räumliche Vorstellungsvermögen im Mittelpunkt.

Das DZLM ist eines der und wenn nicht sogar das größte deutsche Hochschulnetzwerk im Bereich der Mathematikdidaktik und verbindet dutzende Universitäten und Didaktikprofessuren in allen deutschen Bundesländern. Bei genauerem Hinsehen finden sich im Material der von Hochschulen propagierten Grundschuldidaktik eine breite Mischung aus Übungsaufgaben aber auch kompetenzorientierten, offenen und selbstdifferenzierenden Lernumgebungen zum Aufbau von Grundvorstellungen. Damit stehen diese im Einklang mit den Beispielaufgaben aus dem IQB-Bildungstrend und den Bildungsstandards.

Meine persönliche Meinung

An der These von Frau Schwarz, dass die von Hochschulen propagierte und von Grundschullehrkräften praktizierte Didaktik Grund für den negativen Leistungstrend seien, hängen eine ganze Menge Fragezeichen. Da die Hochschuldidaktik im Einklang mit den Testaufgaben steht, scheint es wenig nachvollziehbar, hier einen Grund für den Trend zu suchen. Es ist außerdem fragwürdig, wie viele Lehrkräfte tatsächlich im Unterricht entsprechend dieser Pädagogik arbeiten. Studien, Belege oder zumindest theoretisch haltbare Begründungen für diese These sind in der Pressemitteilung leider nicht enthalten.

Den didaktischen Ansatz von Frau Schwartz teile ich bedingt. Wie es auch aus dem Material der Hochschulen ersichtlich wird, ist das Üben ein wichtiger Bestandteil mathematischer Kompetenzentwicklung. Isoliertes Üben von Rechenverfahren ohne die Einbettung in echte mathematische Handlungskompetenz oder in einen authentischen Lebensweltbezug halte ich allerdings für nicht zielführend. Die Unterrichtszeit ist begrenzt und es müssen Prioritäten gesetzt werden. Wenn es unser Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler am Ende der Grundschulzeit die schriftlichen Rechenverfahren im Schlaf beherrschen, dann sollten wir darauf unseren Fokus im Unterricht legen. Mit einem Blick auf unsere Gesellschaft und Anforderungen in heutigen Berufen wird jedoch schnell klar, dass reine Reproduktionsaufgaben, die mittlerweile sogar die Uhren an unseren Handgelenken lösen können, nicht unser Hauptaugenmerk im Rahmen schulischer Bildung sein sollten. Kreativität, Kommunikation, Kooperation und kritisches Denken (die 4K) sollten im Mittelpunkt stehen. Die kompetenzorientierten Bildungsstandards und auch die Materialien des DZLM spiegeln diese Entwicklung wieder. Sie setzen an Rechenverfahren und Übungsmaterialien an, wechseln aber dann (insbesondere in den offenen und selbstdifferenzierenden Lernumgebunden) in kompetenzorientierte Problemstellungen.

Die verallgemeinernden Aussagen von Frau Schwartz über die Praxis in den Grundschulen („Fehler werden nur noch ansatzweise korrigiert und setzen sich daher in den Köpfen der Kinder fest“, „automatisiertes Üben beim Rechnen – davon will man gar nichts mehr wissen“) kann ich so nicht teilen. Es wäre interessant, welcher Datenlage diese Beobachtungen entstammen. Leider gibt es dazu keine Hinweise. Mit den Empfehlungen der von den Hochschulen propagierten Grundschuldidaktik decken sich diese Aussagen allerdings definitiv nicht.

Die Wortwahl von Frau Schwartz („Beenden Sie diesen Wahnsinn“, „Kindern das Leid ersparen“) erinnert leider an eine sehr gefährliche Rhetorik fragwürdiger Gruppierungen. Dazu passt auch die wissenschaftsfeindliche Haltung, die aus der Pressemitteilung herauszulesen ist („Man kann die derzeit von den Hochschulen propagierte Grundschuldidaktik fast schon als eine Didaktik der Verwahrlosung bezeichnen“, „Man muss sich nur von den ideologischen Scheuklappen mancher Didaktiker befreien“). Bedacht werden sollte, dass die unter anderem vom DZLM angeboteten Übungsaufgaben und Lernumgebungen mit wissenschaftlicher Begleitung einer praktischen Erprobung entstanden sind. Es geht hier also nicht um fehlgeleitete Individuen, sondern aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu wirksamen Lerngelegenheiten und gutem Unterricht, die von einer Vielzahl von Universitäten unter dem Banner des DZLM getragen werden und die der Philologenverband öffentlichkeitswirksam als „Wahnsinn“ bezeichnet. Zwar gehört der kritische Diskurs zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Ich würde allerdings erwarten, dass bei einer solch scharfen Kritik auch tatsächliche Argumente für eine Gegenposition geliefert werden.

Mindestens genauso fragwürdig erscheint in diesem Zusammenhang, was Frau Schwartz nicht als mögliche Gründe für den Negativtrend benannt hat. Fehlende Ressourcen (vor allem auch der sich immer weiter verschärfende Mangel an Lehrkräften insbesondere im Primarbereich) werden erstaunlicherweise nicht von Frau Schwartz thematisiert. Die von den Wissenschaftler:innen angesprochene Pandemielage und die Zuwanderung wurden in der Pressemitteilung ohne Gegenargument als „Mutmaßung“ vom Tisch gewischt. Dabei liefert sie ein zentrales Argument selbst:
Ein solcher Ansatz führt uns schon seit Jahren an den pädagogischen Abgrund, aber während der Pandemie und der Phasen des Fernunterrichts war dieser Ansatz erst recht zum Scheitern verurteilt.“
Moderne Lerngelegenheiten, die auf Kooperation, Kompetenzorientierung und Kommunikation ausgelegt sind, können im Distanzlernen nur schwer umgesetzt werden. Die offenen Lernumgebungen, in denen Schülerinnen und Schüler spielerisch gemeinsam in der Diskussion miteinander neue Sachverhalte entdecken (siehe zum Beispiel die Streichholz-Vierlinge), sind für den Präsenzunterricht ausgelegt. An vielen Grundschulen wurde Distanzlernen anfangs so organisiert, dass Übungsaufgaben ein Mal pro Woche von den Eltern in der Schule abgeholt wurden, weil es noch keine Möglichkeit für Onlinelernen gab oder es in der ersten Klasse schlicht nicht durchführbar war. Es ist also davon auszugehen, dass der von Frau Schwartz geforderte Ansatz („mehr Ruhe und Konzentration im Unterricht, Mathematikbücher, die nicht fünf verschiedene Rechenwege aufzeigen, sondern zunächst ein sinnvolles Rechenverfahren üben, und zwar nicht an drei kleinen Mini-Aufgaben, sondern so lange, bis das Verfahren sicher und selbständig ausgeführt werden kann„) insbesondere im Rahmen der Pandemie eine kleine Renaissance erlebt hat. Wenn dann im Rahmen des Bildungstrends allerdings kompetenzorientiert getestet wird, dürfte es nicht verwundern, dass die Leistungen abgenommen haben.
Insgesamt bleibt aber abzuwarten, welche Ursachen durch ein wissenschaftliches Vorgehen im Rahmen der ausführlichen Analyse ermittelt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich sehr deutlich sagen, dass es nicht meine Intention ist, die dargestellten Ergebnisse des Bildungstrends schön zu reden. Im Gegenteil: Wir sollten sehr entschieden Maßnahmen ergreifen, damit soziale Disparitäten verringert werden und das Leistungsniveau insgesamt ansteigt. Allerdings sollten wir sachlich und wissenschaftlich nach Ursachen suchen, damit wir die richtigen Maßnahmen ergreifen können und nicht ohne Argumente mit dem Finger auf Lehrkräfte oder Didaktikerinnen und Didaktiker zeigen. Ohne Vorliegen des finalen Berichts schon zu schlussfolgern, dass „die Grundschullehrkräfte schuld seien“, wie es dieser Artikel von news4teachers suggeriert, wäre kurzsichtig und unprofessionell und behindert beim Lösen der tatsächlichen Probleme.

Insgesamt betrachte ich diesen Beitrag von Frau Schwartz als ein Armutszeugnis eines der größten deutschen Lehrerverbände, der traditionell vor allem für Gymnasiallehrkräfte einsteht. Bei immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte aller Schulformen wird hier Feuer ins Öl eines Grabenkampfes zwischen Lehrkräften an Gymnasien und Lehrkräften an Grundschulen gegossen, der nicht existieren sollte. Das erscheint wie eine Stellvertreterdiskussion, die von den tatsächlichen Problemen des Bildungssystems ablenken soll. Paart man das mit der explizit wissenschaftsfeindlichen Haltung, kann ich mich als Gymnasiallehrer nur fremdschämen und bei allen hart arbeitenden und professionellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie bei den Grundschullehrkräften, die sich täglich unter widrigen Umständen – egal ob Zuwanderung, Pandemie, oder Lehrkräftemangel – mit all ihren Kräften für das Wohl der Schülerinnen und Schüler einsetzen, bedanken.

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